Motorradreisen bieten einen Freiheitsgrad, den kein anderes Verkehrsmittel erreicht. Du spürst Temperaturwechsel, riechst die Landschaft und nimmst Kurven als aktive Entscheidung wahr, nicht als passiven Transport. Europa ist dafür besonders gut gerüstet: Die Straßenqualität ist überwiegend hoch, die Distanzen überschaubar und die kulturelle Dichte enorm. 🌍
Doch nicht jede schöne Straße ergibt eine gute Motorradtour. Was zählt, ist die Kombination aus fahrerischem Anspruch, landschaftlicher Abwechslung und logistischer Machbarkeit. Dieser Artikel stellt sieben Routen vor, die dieses Gleichgewicht treffen. Jede Route ist real befahrbar, mit konkreten Start- und Endpunkten, empfohlener Fahrtrichtung und praktischen Hinweisen zur Planung.

Dolomitenstraße und Großglockner: Italiens und Österreichs Höhepunkte 🏔️
Die Kombination aus der SS48 durch die Dolomiten und der anschließenden Österreichischen Alpenstraße bildet eine der klassischen Motorradtouren Europas. Beginne am besten in Bozen und fahre die SS48 Richtung Osten über den Würzjochpass (2.003 m) und den Gardenapass (2.136 m) bis nach Cortina d’Ampezzo. Die Strecke bietet auf 90 Kilometern durchgehend kurvenreiche Passstraßen mit dramatischen Dolomitenformationen.
Von Cortina aus geht es nordwärts über den Kreuzbergpass nach Lienz in Osttirol. Hier schließt sich die Großglockner-Hochalpenstraße an, Österreichs höchste befestigte Passstraße mit 48 Kilometern Länge und 36 Kehren. Die Maut beträgt für Motorräder circa 25 Euro, die Straße ist von Mitte Mai bis Ende Oktober geöffnet. Oben am Kaiser-Franz-Josefs-Höhe auf 2.369 Metern lohnt sich ein Stopp. Viele Reisende berichten, dass die frühe Morgenstunde (ab 6 Uhr) die leerste und damit fahrerisch schönste Zeit ist.
Plan für diese Route mindestens zwei volle Tage ein, besser drei mit Übernachtung in Cortina und Heiligenblut. Die beste Reisezeit ist Juni bis September, wobei Juli und August touristisch stark frequentiert sind. Informiere dich aktuell beim Auswärtigen Amt über mögliche Verkehrsbeschränkungen für laute Motorräder in Tirol.
Atlantikstraße und Norwegens Westküste: Fjorde und Brücken 🌊
Norwegens Atlantikstraße, offiziell Riksvei 64, ist nur 8,3 Kilometer lang, aber diese kurze Strecke verbindet mehrere kleine Inseln über spektakuläre Brücken, darunter die berühmte Storseisundbrücke mit ihrer charakteristischen S-Kurve. Die Straße liegt zwischen Molde und Kristiansund und eignet sich als zentraler Höhepunkt einer längeren Westküstentour.
Eine praktikable Route beginnt in Bergen und führt nordwärts über die E39 und Riksvei 13 durch Fjordnorwegen. Besondere Etappenziele sind der Sognefjord (mit der optionalen Fährverbindung Kaupanger-Gudvangen), der Geirangerfjord (UNESCO-Welterbe, von Juni bis August befahrbar) und die Trollstigen, eine Passstraße mit elf Haarnadelkurven und Steigungen bis zu zehn Prozent. Die Trollstigen ist von Oktober bis Mai gesperrt.
Für die gesamte Strecke Bergen-Trondheim über die Küstenroute solltest du fünf bis sieben Tage einplanen. Die Übernachtungskosten in Norwegen sind hoch; circa 120 bis 180 Euro pro Nacht für ein Doppelzimmer in mittlerer Kategorie sind realistisch. Alternativ bieten sich die zahlreichen Campingplätze an, die oft direkt am Fjord liegen und für Motorradfahrer geeignete Hütten vermieten. Die offizielle Tourismus-Website von Norwegen, visitnorway.de, bietet aktuelle Informationen zu Straßenöffnungen und Fährverbindungen.
Schwarzwald-Hochstraße und Vogesen: Deutschlands älteste Ferienstraße 🌲
Die Schwarzwald-Hochstraße (B500) gilt als eine der schönsten Motorradstrecken Deutschlands und zugleich als älteste Ferienstraße des Landes. Sie verläuft auf 60 Kilometern von Freudenstadt nach Baden-Baden durch durchgehend hochgelegene Waldlandschaft mit mehreren Aus- und Weitblicksmöglichkeiten. Der Mummelsee nach circa 20 Kilometern ist ein typischer Stopp, allerdings touristisch oft überlaufen.
Erweitern lässt sich die Route sinnvoll nach Frankreich hinein. Fahre von Baden-Baden über die Rheinebene nach Straßburg und weiter in die Vogesen. Die Route des Crêtes, eine ehemalige Militärstraße auf dem Kamm der Vogesen, bietet auf 80 Kilometern zwischen Cernay und Sainte-Marie-aux-Mines ebenfalls durchgehend kurvenreiche Fahrstrecke mit weniger Verkehr als im Schwarzwald.
Ein praktischer Drei-Tage-Plan sieht so aus: Tag 1 Anfahrt und Schwarzwald-Hochstraße mit Übernachtung in Freudenstadt oder Baiersbronn. Tag 2 Fahrt über Straßburg in die Vogesen, Übernachtung in einem der kleinen Kammorte wie Le Markstein oder Le Bonhomme. Tag 3 Rückfahrt oder Weiterfahrt. Die beste Reisezeit ist Mai bis Oktober, wobei Herbst mit den Laubfärbungen eine besondere optische Qualität bietet.
Amalfiküste und Sizilien: Italiens Süden auf zwei Rädern 🍋
Die Amalfiküste ist berühmt, aber für Motorradfahrer problematisch: Die SS163 ist extrem eng, stark befahren und bietet kaum Überholmöglichkeiten. Trotzdem lohnt sich die Strecke, wenn du sie gegenläufig zur Hauptverkehrsrichtung fährst, also von Salerno nach Sorrent. Beginne früh (vor 8 Uhr) und nutze die zahlreichen Aussichtsplattformen als geplante Pausen, nicht als spontane Stops im fließenden Verkehr.
Besser für reines Fahrvergnügen geeignet ist die Weiterfahrt nach Sizilien. Die Insel bietet mit der SS120 durch das Madonie-Gebirge, der Küstenstraße von Cefalù nach Palermo und den Vulkanstraßen am Ätna mehrere hochwertige Motorradstrecken. Die Ringstraße um den Ätna (circa 120 Kilometer) führt durch unterschiedliche Vegetationszonen und bietet mit dem Passo di Linguaglossa (2.100 m) eine höchstgelegene asphaltierte Strecke.
Für eine Kombination aus Amalfiküste und Sizilien solltest du zehn bis zwölf Tage einplanen. Die Fähre von Neapel oder Salerno nach Palermo dauert circa zehn Stunden und kostet für Motorrad plus Fahrer etwa 80 bis 120 Euro je nach Saison und Buchungszeitpunkt. Die beste Reisezeit für Süditalien ist April bis Juni und September bis Oktober; Juli und August sind durch Hitze und Massentourismus erschwert.
Pyrenäen-Überquerung: Von Atlantik zu Mittelmeer ⛰️
Die Pyrenäen bieten mehrere Motorrad-routing-Optionen, die alle den Vorteil der Grenzüberschreitung zwischen Frankreich und Spanien nutzen. Die bekannteste Route ist der Jakobsweg der Motorradfahrer, nicht der Pilgerweg selbst, sondern die parallele Straßenverbindung von San Sebastián über Pamplona, Jaca und die spanische Seite der Pyrenäen.
Eine konkrete Variante beginnt in Biarritz und führt über den Col d’Ibardin (circa 20 Kilometer landeinwärts) nach Pamplona. Von dort geht es über den Puerto de Somport (1.632 m) nach Jaca. Die Königsetappe ist der Col du Tourmalet (2.115 m), der höchste asphaltierte Pass der französischen Pyrenäen und regelmäßige Etappe der Tour de France. Die Westrampe ab Luz-Saint-Sauveur ist 19 Kilometer lang und steigt durchgehend an.
Für die gesamte Querung von Atlantik zu Mittelmeer solltest du vier bis fünf Tage rechnen. Eine Alternative zum Tourmalet ist der etwas weiter östlich gelegene Col d’Aspin, weniger berühmt, aber fahrerisch ähnlich qualitätvoll und oft weniger frequentiert. Die beste Reisezeit ist Juni bis September; im Frühling und Herbst sind die hohen Pässe wegen Schneefalls gesperrt. Aktuelle Passöffnungen findest du bei den jeweiligen Département-Räten oder auf der offiziellen Tourismus-Website der französischen Pyrenäen.

Schottlands North Coast 500: Britains letzte Wildnis 🏴
Die North Coast 500 ist eine touristische Marketingbezeichnung für eine circa 830 Kilometer lange Rundroute in den schottischen Highlands, offiziell startend und endend in Inverness. Die Strecke führt entlang der nördlichen Küste Schottlands durch abgelegene Landschaften mit wenig Infrastruktur und wechselhaftem Wetter.
Die fahrerisch interessanteste Etappe ist die Westküste von Ullapool nach Durness über den Pass von the Drumrunie und die Küstenstraße um Lochinver. Die Straßen sind hier oft single track mit passing places, was für Motorradfahrer bedeutet: langsamer als erwartet, aber mit maximaler Landschaftsnähe. Die Applecross Peninsula mit der Bealach na Bà, einer der höchsten Passstraßen Großbritanniens (626 m), ist ein weiteres Highlight.
Plane für die North Coast 500 mindestens fünf Tage ein, besser sieben. Die Unterkunftssituation ist in den Sommermonaten angespannt; Buchungen drei bis sechs Monate im Voraus sind ratsam. Die Mückenpopulation im Hochsommer ist legendär; Insektenschutz für Pausen ist essenziell. Die beste Reisezeit ist Mai bis September, wobei Juni und September die besten Kompromisse aus Tageslänge, Wetter und Tourismusdichte bieten. Die offizielle Website northcoast500.com listet aktuelle Streckeninformationen und Unterkunftsmöglichkeiten.
Kroatische Küstenstraße und Inselhüpfen: Adria mit Kurven 🌅
Die kroatische Küstenstraße, die Jadranska magistrala (D8), verläuft auf mehr als 600 Kilometern von der slowenischen Grenze bei Rijeka bis nach Dubrovnik. Die Strecke ist nicht durchgehend spektakulär, aber Abschnitte wie die Passage zwischen Senj und Zadar oder die Fahrt durch das Biokovo-Gebirge oberhalb von Makarska gehören zu den schönsten Küstenstraßen Europas.
Ergänzend lohnt sich die Fährverbindung auf die Inseln. Die Route Rijeka – Cres – Krk – Pag – Zadar kombiniert Küstenfahrt mit Inselcharakter. Die Fähren sind häufig, kosten für Motorrad plus Fahrer zwischen 5 und 15 Euro und bieten oft die Möglichkeit, an Deck zu bleiben. Die Pag-Strecke ist besonders: Die Insel ist durch eine Brücke mit dem Festland verbunden und bietet eine Mondlandschaft aus Kalkstein, die kontrastreich zur üppigen Vegetation der Küste steht.
Für eine Woche Kroatien mit Küstenstraße und zwei bis drei Inseln solltest du circa 1.500 bis 2.000 Euro budgetieren, inklusive Unterkunft in mittlerer Kategorie und Fährkosten. Die beste Reisezeit ist Mai bis Juni und September; Juli und August bringen extreme Hitze, hohe Preise und dichten Verkehr. Aktuelle Fährfahrpläne findest du bei Jadrolinija, dem größten kroatischen Fährbetreiber.
Praktische Planung: Was vor der Abfahrt klären 🎒
Motorradreisen erfordern spezifische Vorbereitung, die über die normale Reiseplanung hinausgeht. Dein Motorrad sollte vor einer Mehrtagestour eine Inspektion erhalten; prüfe speziell Reifenprofil, Bremsbeläge und Kettenspannung. Für Alpen- und Pyrenäenpässe sind Regenkleidung und ausreichende Wärmeschichten unverzichtbar, auch im Hochsommer kann es oben auf den Pässen unter zehn Grad sein.
Die Versicherungssituation klärt du am besten vorab: Die deutsche Kfz-Haftpflichtversicherung gilt in allen EU-Ländern, aber für Nicht-EU-Ziele wie die Türkei oder Teile des Balkans ist eine Grüne Karte erforderlich. Informiere dich aktuell beim Auswärtigen Amt über die für dein Ziel relevanten Einreisebestimmungen und notwendige Dokumente.
Packen solltest du modular: leicht erreichbare Regenkleidung, Werkzeug für kleine Reparaturen, Ladekabel für Navigation und Handy. Ein Tankrucksack oder eine kleine Hecktasche reicht für Mehrtagestouren, wenn du regelmäßig übernachtest. Für Campingtouren ist die Frachtkapazität entscheidend; hier bieten sich wasserdichte Rolltaschen an, die über die Sitzbank gelegt werden.

Fazit: Die richtige Route für deinen Anspruch 🗺️
Die vorgestellten sieben Routen decken unterschiedliche Profile ab: Die Dolomitenstraße und der Großglockner bieten maximale fahrerische Dichte auf kurzer Distanz. Die norwegische Westküste verlangt Zeit und Budget, belohnt aber mit einzigartiger Landschaft. Die Schwarzwald-Hochstraße ist ideal für ein verlängertes Wochenende. Die Amalfiküste und Sizilien kombinieren Fahrspaß mit mediterraner Kultur. Die Pyrenäen-Überquerung ist eine echte Tour mit sportlichem Anspruch. Die North Coast 500 ist für Abenteuerlustige mit Zeit. Die kroatische Küstenstraße bietet das beste Preis-Leistungs-Verhältnis für Sommerreisen.
Entscheidend ist nicht, welche Route die „schönste“ ist, sondern welche zu deinem Zeitbudget, deinem Fahrkönnen und deinen Erwartungen passt. Ein Wochenende in den Dolomiten bringt mehr als eine hastig durchfahrene Woche in Norwegen. Plane realistisch, fahre defensiv in unbekanntem Terrain und lasse Puffer für Umwege und ungeplante Entdeckungen. Die beste Motorradtour ist die, die du tatsächlich fährst, nicht die, die du nur planst.
Welche Motorradreise ist für Anfänger am besten geeignet?
Die Schwarzwald-Hochstraße und die Vogesen sind ideal für Einsteiger. Die Strecken sind kurz, gut asphaltiert, nahe an Deutschland gelegen und bieten bei Bedarf schnelle Rückzugsmöglichkeiten in bekannte Verhältnisse. Die Kurven sind moderat, die Verkehrsdichte überschaubar und die Infrastruktur mit Tankstellen und Unterkünften dicht.
Wie viel kostet eine Motorradreise durch Europa circa?
Für eine Woche mit eigenem Motorad solltest du für Unterkunft und Verpflegung circa 800 bis 1.500 Euro rechnen, je nach Zielregion und Komfortanspruch. Norwegen und die Schweiz liegen am oberen Ende, Kroatien und Teile Italiens am unteren. Hinzu kommen Kraftstoffkosten, eventuelle Mautgebühren und Versicherungen.
Benötige ich ein Visum oder spezielle Dokumente für Motorradreisen in Europa?
Für die meisten europäischen Ziele reichen gültiger Personalausweis oder Reisepass sowie Führerschein und Fahrzeugschein. Für Nicht-EU-Länder wie die Türkei oder Albanien können zusätzliche Dokumente erforderlich sein. Informiere dich aktuell beim Auswärtigen Amt über die für dein konkretes Ziel geltenden Bestimmungen.
Wann ist die beste Reisezeit für Alpenpässe?
Die meisten höheren Alpenpässe sind von Mitte Mai bis Ende Oktober befahrbar. Juni und September bieten den besten Kompromiss aus Wetterstabilität und geringerem Verkehr. Juli und August bringen die höchsten Temperaturen, aber auch den dichtesten Tourismusverkehr. Im Frühling und Herbst droht auf den höchsten Pässen Schneefall.
Was gehört in die Grundausstattung für eine Mehrtages-Motorradtour?
Unverzichtbar sind mehrschichtige Kleidung (Base Layer, Mid Layer, Membranhose und -jacke), Regenkombi, Handschuhe in zwei Stärken, Helm mit Sonnenblende, Handyhalterung mit Lademöglichkeit, kleines Werkzeugset, Panzertape, Erste-Hilfe-Set und ausreichend Trinkwasser. Für Touren außerhalb Deutschlands ergänzen sich internationale Krankenversicherungskarte und Grüne Karte.