Nachhaltiger Tourismus: 6 Reiseziele, die jetzt umsteuern

Zwei Drittel der Deutschen finden Nachhaltigkeit beim Reisen wichtig. Ausschlaggebend war sie 2023 aber nur bei höchstens fünf Prozent der Urlaubsreisen. Genau diese Lücke versuchen beliebte Reiseziele jetzt zu schließen, und zwar mit Gebühren, Belohnungen und strengen Regeln für nachhaltigen Tourismus.

Venedig: Eintritt für die Altstadt

Rund 15 Millionen Menschen besuchen Venedig jedes Jahr. Viele davon bleiben nicht einmal eine Nacht. Seit 2024 zahlen Tagesbesucher deshalb an ausgewählten Tagen Eintritt für die Altstadt.

2026 galt die Regel an 60 Tagen zwischen dem 3. April und dem 26. Juli, jeweils von 8:30 bis 16 Uhr. Wer mindestens drei Tage vorher reservierte, zahlte 5 Euro. Kurzentschlossene legten 10 Euro auf den Tisch. Ausgenommen sind unter anderem Übernachtungsgäste und Kinder unter 14 Jahren.

Die Bilanz fällt deutlich aus. Über 650.000 Tagesgäste zahlten, die Stadt nahm mehr als fünf Millionen Euro ein. So viel wie noch nie.

Reichen 10 Euro als Bremse?

Hand aufs Herz: Für einen Tagesausflug schreckt dieser Betrag kaum jemanden ab. Venedigs neuer Bürgermeister bringt deshalb für Spitzentage bis zu 50 Euro ins Spiel. Entschieden ist das noch nicht. Venedig beweist trotzdem, dass sich Besucherströme erfassen und planen lassen. Wirksam bremsen wird die Gebühr erst mit deutlich höheren Preisen.

Amsterdam und Barcelona: Übernachten wird teurer

Amsterdam zählte 2025 rund 23,7 Millionen touristische Übernachtungen. Die Stadt verlangt darauf eine Steuer von 12,5 Prozent des Zimmerpreises. Seit 2026 kommen landesweit 21 statt bisher 9 Prozent Mehrwertsteuer hinzu.

Zusammen ergibt das rund 33,5 Prozent Abgaben. Ab 2027 soll die Stadtsteuer auf 16 Prozent steigen, später bis auf 20 Prozent. Außerdem legen am Hauptterminal nur noch 100 statt rund 190 Hochseekreuzfahrtschiffe pro Jahr an.

Barcelona geht einen ähnlichen Weg. Seit dem 1. April 2026 zahlen Hotelgäste dort bis zu 15 Euro pro Nacht. Bis 2028 will die Stadt zudem über 10.000 Lizenzen für Ferienwohnungen entziehen. Mit den Einnahmen soll unter anderem bezahlbarer Wohnraum entstehen.

Reiseziel Maßnahme Stand 2026
Venedig Eintritt für Tagesgäste 5 bis 10 Euro an 60 Tagen
Amsterdam Stadtsteuer auf Übernachtungen 12,5 Prozent plus 21 Prozent Mehrwertsteuer
Barcelona Übernachtungsabgabe bis zu 15 Euro pro Nacht
Kopenhagen Belohnungsprogramm CopenPay dauerhaft seit Juni 2026

Kopenhagen: Belohnung statt Strafe

Kopenhagen dreht das Prinzip um. Statt abzukassieren, belohnt die Stadt umweltbewusstes Verhalten. Das Programm CopenPay startete im Sommer 2024 als Versuch mit rund 30 Projekten. 2025 wuchs das Angebot auf etwa 90 Aktionen über neun Wochen.

Seit dem 22. Juni 2026 läuft CopenPay dauerhaft. Über 100 lokale Partner machen mit, darunter Hotels und Sehenswürdigkeiten. Mehr als 30.000 Gäste haben bereits teilgenommen.

KopenhagenSo funktioniert das Prinzip

  • Wer mit dem Zug anreist, leiht sich Fahrräder kostenlos aus.
  • Müllsammeln am Strand bringt etwa einen Kaffee im Kunstmuseum Arken.
  • Wer mit dem Elektroauto kommt, parkt gratis und lädt vergünstigt.

Berlin testet mit BerlinPay inzwischen eine ähnliche Idee. Der Tourismusforscher Martin Lohmann dämpft allerdings die Erwartungen. Seiner Einschätzung nach wählt wegen solcher Prämien niemand ein komplett anderes Reiseziel. Belohnungen verändern also eher das Verhalten vor Ort.

Ljubljana: grüne Hauptstadt mit Gütesiegel

2016 trug Ljubljana den Titel Grüne Hauptstadt Europas. Die EU würdigte damals unter anderem das Verkehrsnetz und die Strategie „Vision 2025“. Der Stadtkern ist für den Autoverkehr gesperrt. Die Fußgängerzone misst rund zwölf Hektar. Durst? In der Stadt sprudeln 44 öffentliche Trinkbrunnen.

Slowenien setzt für nachhaltigen Tourismus zusätzlich auf ein nationales Siegel. Das Programm Slovenia Green zeichnete 2016 die ersten neun Reiseziele aus. Bewertet wird nach internationalen Nachhaltigkeitskriterien. Ljubljana erhielt 2022 die höchste Stufe Platin, und zwar mit einer Durchschnittsnote von 9,3. Kein anderes Ziel schnitt in dieser Runde besser ab.

Was viele übersehen: Solche Siegel sind nur so gut wie ihre Kontrollen. Das Platinsiegel gilt deshalb jeweils nur drei Jahre. Danach muss die Stadt erneut nachweisen, dass sie die Kriterien erfüllt. Genau diese Befristung unterscheidet ein ernsthaftes Programm von bloßer Werbung.

Werfenweng: Urlaub ohne eigenes Auto

Werfenweng im Salzburger Land zählt gut 1.000 Einwohner. Der Ort liegt auf rund 900 Metern Höhe am Tennengebirge. Bekannt ist er für sein Konzept der sanften Mobilität.

So läuft ein autofreier Urlaub dort ab:

  • Anreise mit der Bahn bis Bischofshofen
  • Abholung vom Bahnhof durch den örtlichen Fahrdienst
  • vor Ort Elektroautos, Elektrofahrräder und ein elektrisches Ortstaxi nutzen

Viele dieser Angebote sind mit der Gästekarte des Ortes kostenlos. Werfenweng gehört außerdem zum Verbund Alpine Pearls. Ihm gehörten zuletzt 21 Orte in fünf Alpenländern an. Alle Mitglieder sind per Bahn und Bus erreichbar.

Das Modell zeigt, dass der Verzicht aufs Auto kein Verlust an Bequemlichkeit sein muss. Im Gegenteil: Wer mit dem Zug kommt, muss sich weder um Parkplätze noch um Mautgebühren kümmern.

Norwegens Fjorde: Nullemission mit Aufschub

Norwegens Welterbefjorde zählen zu den beliebtesten Naturzielen Europas. Dazu gehören Geirangerfjord und Nærøyfjord. 2023 kamen über 6,1 Millionen Kreuzfahrtgäste bei fast 4.000 Anläufen nach Norwegen. Der CO2-Ausstoß von Kreuzfahrtschiffen an Norwegens Küste stieg von 382.000 Tonnen im Jahr 2015 auf 968.000 Tonnen.

Schon 2018 beschloss das Parlament, die Welterbefjorde bis 2026 emissionsfrei zu machen. Seit dem 1. Januar 2026 gilt das allerdings nur für Passagierschiffe unter 10.000 Bruttoraumzahl. Große Kreuzfahrtschiffe haben bis 2032 Zeit. Biogas bleibt dabei als Übergangslösung erlaubt.

Der Grund für den Aufschub: Für große Schiffe fehlt bislang die passende Technik. Ausflugsboote und kleine Passagierschiffe fahren also schon heute emissionsfrei. Wer die Fjorde klimafreundlich erleben will, steigt deshalb besser auf diese kleinen Schiffe um.

Nachhaltiger Tourismus beginnt bei der Anreise

Die größten Unterschiede entstehen schon auf dem Weg ins Urlaubsziel. Das zeigen die aktuellen Werte des Umweltbundesamts für 2024.

Verkehrsmittel Treibhausgase pro Personenkilometer
Flugzeug, Inland 290 Gramm
Pkw 164 Gramm
Fernbus 30 Gramm
Fernzug 26 Gramm

Ein Inlandsflug verursacht damit mehr als das Zehnfache eines Fernzugs. Trotzdem stieg der Anteil der Flugreisen 2025 auf 46,9 Prozent aller Urlaubsreisen. Kurz gesagt: Der Wunsch nach Nachhaltigkeit und das tatsächliche Verhalten driften weiter auseinander.

  • Wähle Ziele, die du mit der Bahn an einem Tag erreichst.
  • Übernachte in Venedig, statt nur einen Tagesausflug zu machen. Das spart sogar die Eintrittsgebühr.
  • Bleib länger an einem Ort: In Kopenhagen belohnte CopenPay 2025 auch Aufenthalte ab vier Nächten.

Belohnen wirkt besser als Abkassieren

Gebühren füllen städtische Kassen, an Besucherströmen ändern sie bislang wenig. Venedig hat 2026 mehr Geld eingenommen als je zuvor. Gleichzeitig zahlten mehr als 650.000 Tagesgäste die Gebühr, statt fernzubleiben. Ein Betrag von 10 Euro steuert eben kaum.

Wirksamer sind Konzepte, die den umweltfreundlichen Weg zum bequemsten machen. Werfenweng holt Bahnreisende am Bahnhof ab und stellt Elektroautos bereit. Kopenhagen belohnt die Zuganreise mit kostenlosen Leihrädern. Beides setzt dort an, wo die Klimabilanz einer Reise tatsächlich entsteht.

Die Zahlen stützen diese Sicht. Zwei Drittel der Deutschen wünschen sich nachhaltigen Tourismus, doch fast jede zweite Urlaubsreise führt ins Flugzeug. Diese Lücke schließt kein Eintrittsgeld. Sie schließt sich erst, wenn die nachhaltige Variante günstiger, einfacher und attraktiver wird als die gewohnte. Reiseziele, die das verstanden haben, gehören schon heute zu den Gewinnern.

Was bedeutet nachhaltiger Tourismus?

Nachhaltiger Tourismus schont Umwelt, Einheimische und Kultur am Reiseziel. Dazu zählen eine klimafreundliche Anreise, längere Aufenthalte und lokale Angebote. Viele Ziele steuern ihn inzwischen mit Abgaben, Siegeln oder Belohnungsprogrammen.

Welche Städte verlangen 2026 Gebühren gegen Übertourismus?

Venedig verlangt an 60 Tagen 5 bis 10 Euro Eintritt von Tagesgästen. Amsterdam erhebt 12,5 Prozent Steuer auf Übernachtungen, dazu kommt die Mehrwertsteuer. In Barcelona fallen bis zu 15 Euro pro Nacht an.

Wie viel klimafreundlicher ist die Bahn als das Flugzeug?

Nach Werten des Umweltbundesamts verursacht der Fernzug 26 Gramm Treibhausgase pro Personenkilometer. Ein Inlandsflug kommt auf 290 Gramm. Das ist mehr als das Zehnfache.

Was ist CopenPay in Kopenhagen?

CopenPay belohnt Gäste für umweltbewusstes Verhalten, etwa für die Zuganreise oder das Müllsammeln. Dafür gibt es zum Beispiel kostenlose Leihräder, Führungen oder vergünstigte Eintritte. Seit Juni 2026 läuft das Programm dauerhaft.

Dürfen Kreuzfahrtschiffe noch in Norwegens Welterbefjorde?

Ja, große Kreuzfahrtschiffe dürfen dort noch bis Ende 2031 fahren. Für Schiffe unter 10.000 Bruttoraumzahl gilt seit 2026 eine Nullemissionspflicht. Ab 2032 müssen alle Passagierschiffe emissionsfrei fahren, Biogas bleibt als Ausnahme erlaubt. Das ist ein wichtiger Schritt für nachhaltigen Tourismus im Norden.